Reformation ist für alle. Als Zwingli Zürich umzukrempeln begann, tat er dies mit dem Rat der Stadt. Er nahm die Regierenden in die Pflicht und hatte die Gemeinschaft der Menschen im Blick. Damals zählte Zürich nicht mehr Einwohner als heute ein mittleres Dorf.

500 Jahre später hat die Stadt an der Limmat – nicht zuletzt aufgrund der Transformation in der Reformationszeit – als kleine Weltstadt einen anderen Anspruch. Die Landeskirche und der reformierte Stadtverband, Kanton und Stadt Zürich und Zürich Tourismus haben sich in einem Verein zusammengetan. Das Ergebnis ist – ein Langzeit-Kultur-Festival. Es soll, zumeist in der Stadt, Facetten von Reformation darstellen, auch denen, die mit Kirche nichts am Hut haben.

«Erbe mit Lust und Hingabe fortentwickeln»
Am 4. Oktober wurde das Reformations-Festival mit einem Festakt im Schiffbau eröffnet. Martin Heller und Barbara Weber, die es kuratieren, stimmten die geladenen Gäste aus Politik, Wissenschaft, Kunst und Kirchen auf die nächsten eineinviertel Jahre ein. Dabei legten sie die Latte hoch. Man wolle tiefer schürfen, sagte Martin Heller. «Uns interessiert die Reformation als Ganzes, als ein Ereignis, das die damals existierende Welt auf den Kopf gestellt hat.»

Reformation säkular feiern: Martin Heller und Barbara Weber.

Auch säkular lebende Zürcher seien Erben der Reformation, fügte Barbara Weber an. Zwingli gehöre «zur DNA dieses Kantons und dieser Stadt». Es gelte ein Erbe bewusst zu machen, «das wir nicht nur tragen, sondern verstehen und mit Lust und Hingabe fortentwickeln wollen». Denn dieses Erbe strahlt aus – «in alle Bereiche unserer Gesellschaft, als kulturelle Tradition, als Ethos, als Lebenspraxis und geht über die Frage des Glaubens natürlich weit hinaus».

Reformation feiern – aber säkular
Mit den 45 projektierten Beiträgen soll das Reformationsjubiläum gefeiert werden – säkular. Jedes Projekt werfe «einen besonderen Blick auf einen blinden Fleck Zürichs», versprach Heller. Denn Zwingli und seine Reformation würden nach wie vor ganz unterschiedlich bewertet. Dass «zwinglianisch» zu einem Schimpfwort verkommen sei, müsse zu denken geben.

Heller machte Mut, gerade die Ambivalenz und Komplexität der Reformation zu feiern. Dies soll, so Barbara Weber, das Programm leisten, indem es «die religiösen Impulse der heutigen Zeit in allen Facetten und in allen Lebensbereichen aufnimmt». Das Zürcher Jubiläum werde vielleicht «ein bisschen unzeitgemäss, uncool, ein bisschen verstörend». Aber dies gehöre sich bei grossen Themen: «Mit welchen Fragen sollen wir uns denn auseinandersetzen, wenn nicht mit den letzten?»

Mega-Geburtstagstorte
Bei diesem hohen Anspruch wirkte die Beteuerung Hellers eigenartig, man wolle dem Jubiläum «alle Schwere nehmen, die es haben könnte». Der Festakt war jedenfalls unbeschwert: Nach einem Film von Matthias Günter, in dem Beteiligte ihre Sicht auf die Reformation und ihr Projekt schilderten, liess sich der Komiker Jürg Kienberger über den Sinn des Jubiläums aus, indem er ironisierte, was die Verantwortlichen in Politik und Kirche gesagt hätten, wenn sie denn an diesem Abend zum Reden gekommen wären…

Dann leitete Kienberger über zum Höhepunkt: Eine Geburtstagstorte, so gross, als wäre sie über 500 Jahre gewachsen, wurde auf die Bühne getragen. Es blieb Kirchenratspräsident Michel Müller vorbehalten, sie anzuschneiden.

Neben dem Festival des kantonalen Vereins, das nun beginnt, laufen diverse kirchliche Aktivitäten zum Reformationsjubiläum (vgl. Berichte in reformiert.). Einige sind regional, so der Oberländer Kirchentag, der vom 5. bis 8. Juli 2018 in Wetzikon stattfindet. Das ruft der Frage, ob es zu einer gegenseitigen Befruchtung von kirchlichen und Kultur-Events kommen wird.

Projekte des Zürcher Jubiläums

Theaterproduktionen
Diverse Theater Zürichs beteiligen sich am Jubiläum. In den beiden Disputationen des Jahres 1523 wurde deutlich, worum es Zwingli ging. Das Schauspielhaus etabliert im Januar 2018 «Meet Your Enemy», eine Disputationsplattform für aktuelle gesellschaftliche Fragen. Das Theater Neumarkt unternimmt ab Ende Februar mit «Urban Prayers» eine einmonatige Reise durch die «vielfältigen Glaubensorte Zürichs» (so die Medienmitteilung).

Die Gessnerallee thematisiert im März unter dem Titel «Radikalisiert Euch!» Erlösungsversprechen – politische wie religiöse. Im September 2018 wird das Theater Kanton Zürich mit seiner «Zwingli-Roadshow» auf Tour gehen – Reformation als Jugendbewegung. Im Musical «Zwingli.Wars» geht es um die Täuferbewegung.

Ausstellungen, Musik, ein Game…
Das Landesmuseum erzählt ab Februar 2018 Geschichten der Reformation und deren Streitfragen. Im Frühling zeigt eine Ausstellung an der Universität Zwinglis Nachfolger Bullinger als Meister der europaweiten Kommunikation. Eine mit dem Amt für Städtebau konzipierte Ausstellung hebt «Verschwundene Orte der Reformation». Im Stadthaus und in St. Peter werden «verdrängte Schattenseiten» der Reformation zu erleben sein.

Geplant sind im Opernhaus «Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny» und das Mendelssohn-Oratorium «Elias». Jürg Kienberger und Claudia Carigiet räumen mit dem Bild des griesgrämigen Musikfeindes Zwingli auf, das mit seiner Absage an den Gottesdienstgesang zu tun hat. Im Mai, so die Ankündigung, dirigiert dann Zwingli höchstpersönlich die grosse Eröffnungsshow von «Zürich Tanzt» im Zürcher Hauptbahnhof.

… und zum Reformationssonntag Rationalismus
Nicht zu übersehen in der Online-Agenda sind die Führungen in der Stadt der Reformation. Eine Ringvorlesung und Exkursionen der Volkshochschule, ein Mobile Game zum Download und der SRF-Animationsfilm «Immer diese Zwinglis» gehören zum Programm. Am meisten Aufsehen – und Unverständnis – erregte indes das für Anfang November angesetzte «Denkfest» der Freidenker. Die bekennenden Atheisten erhalten vom Verein 80‘000 Franken.

Ausführliche Programmübersicht 

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