Wie ist die Kirche da für Menschen, die Nahestehende durch Suizid verloren haben? Dies beschäftigte die Synodalen am Vormittag des 27. September. Sie genehmigten zudem zwei Gemeindefusionen, sprachen über das Lohnsystem der Landeskirche und hörten Berichte von der Vollversammlung des Weltkirchenrats in Karlsruhe.

Zur Seelsorge an Suizid-Hinterbliebenen hat der Kirchenrat in der Antwort auf ein Postulat ausführlich Stellung genommen. Die Postulanten haben 2019 auch die Zusammenarbeit mit dem Verein Trauernetz thematisiert. Der Kirchenrat unterstreicht im Papier, die Suizidnachsorge sei – ebenso wie die Prävention – für die Kirche von grosser Bedeutung. Die Sorge für die Hinterbliebenen soll vorderhand im Rahmen der bisherigen eigenen Aktivitäten gestärkt werden. Im Kanton Zürich nehmen sich jährlich 180 Personen das Leben.

Arend Hoyer, Präsident der vorberatenden Kommission der Synode, würdigt die exzellente Vernetzung von Jörg Weisshaupt, dem Pionier der Arbeit und Geschäftsführer des Vereins Trauernetz. Allerdings habe der Verein über Jahre nicht genügend über seine Aktivitäten informiert. In den Augen der Kommission hat das reformierte Netz der Seelsorgenden nicht genug Ressourcen. «Wie lässt sich im Ernstfall einer Suizidnachsorge diese Vielzahl an Kompetenzen aktivieren und situativ zielführend einsetzen?»

Mehr Ressourcen und Vernetzung nötig

Der Kirchenrat sehe ein, dass die Sensibilität dafür unter den kirchlichen Mitarbeitenden entwickelt und gefördert werden müsse. Dafür sollten mehr Ressourcen eingesetzt werden. Die Förderung und Begleitung von Selbsthilfegruppen, wie sie Weisshaupt leiste, sei als kirchlich-seelsorgliche Aufgabe ernstzunehmen.

Die Begleitung von Suizid-Hinterbliebenen ernst nehmen: Pfarrer Arend Hoyer.

Ohne auszuführen, dass die Nachsorge bei Suiziden über den Rahmen der Notfallseelsorge hinausgeht, begrüsst Hoyer, dass der Kirchenrat Seelsorgende besser schulen und vernetzen will. Die Kommission empfiehlt dem Kirchenrat, den Verein Trauernetz weiterhin zu unterstützen.

Kirchenrat Andrea Bianca räumt ein, dass die Nachsorge in der Kirchgemeinde meist zu kurz kommt; den Pfarrpersonen fehlt die Zeit. Jörg Weisshaupt sei zu danken dafür, dass er auf vermehrter Zusammenarbeit insistiere. Bianca verweist auf das Buch «Totsächlich» von Sabrina Müller und sagt: «Jeder einzelne Suizid ist ein Suizid zu viel.»

Weder tabuisieren noch heroisieren

Die Kirche müsse einen Weg finden zwischen dem Tabuisieren und Verschweigen von Suiziden und ihrer Heroisierung – Bianca verweist auf die Netflix-Serie, welche Suizid als Option für Jugendliche hinstellt. Mit der Nachsorge müsse die Prävention gestärkt werden. Dem Verschweigen, auch in der Abdankung, wie dem Überhöhen – als Ausdruck von Freiheit – sei zu wehren. Die Arbeit «auf allen Ebenen und mit allen Mitteln» ist nach Bianca zu fördern.

Dieter Graf erwähnt die Website des Vereins Trauernetz mit hilfreichen Beiträgen und einer Online-Community von Suizidbetroffenen, auch Selbsthilfegruppen in verschiedenen Regionen der Deutschschweiz. Zu Recht würdige der Kirchenrat die Pionierarbeit des Vereins. Für Graf macht seine Unterstützung – «als gute Ergänzung zur kirchlichen Arbeit» – Sinn.

Besser schulen, sensibilisieren, mehr tun: Kirchenrat Andrea Marco Bianca.

Die Synode nimmt den Bericht des Kirchenrats zustimmend zur Kenntnis und schreibt das Postulat ab. (Der Verein Trauernetz betont auf Anfrage, dass er sich seit Jahren um die Zusammenarbeit mit der Landeskirche bemühte und über seine Aktivitäten transparent informierte; er sucht erneut das Gespräch mit den Verantwortlichen.)

Zwei Kirchgemeindefusionen

Die Synode genehmigt ohne Diskussion und ohne Gegenstimmen zwei Fusionen von Kirchgemeinden. Der Zusammenschluss von Pfungen und Dättlikon ergibt eine Kirchgemeinde von 1560 Mitgliedern, Zollikon und Zumikon haben zusammen 5300 Mitglieder. Kirchenrätin Margrit Hugentobler blickt berichtet vom raschen Prozess der Vorortsgemeinden, in dem die Verantwortlichen gut zusammenwirkten. Wie sie hörte, war Zumikon «auf dem Weg zur Grundversorgung. Mit Zollikon ist nun mehr möglich.»

Zeitgemässes Lohnsystem?

Die Auskünfte des Kirchenrats zum Lohnsystem der Zürcher Pfarrschaft, von einem Viertel der Synodalen in einer Interpellation angefordert, geben zu reden. Der generelle Stufenanstieg ist in den letzten Jahren in der Kirchensynode immer wieder in Frage gestellt worden. Der Kirchenrat hat in seinem Papier das Zürcher System der Lohneinstufung und -entwicklung als bewährt und wettbewerbsfähig hingestellt. Eine verlässliche Lohnentwicklung in Aussicht zu stellen, sei wichtig. Bei einen Systemwechsel würde der Beruf unattraktiver.

Die Interpellantin Karin Baumgartner-Bose dankt für das aufschlussreiche Papier. Ein Fünftel der Pfarrpersonen sei über sechzigjährig. Die Diskussion kommt nur zögerlich in Gang. Matthias Reuter, der abtretende Präsident der religiös-sozialen Fraktion, findet die Löhne der Geistlichen angemessen. Die lohnwirksame Bewertung der pfarramtlichen Tätigkeit hätte komplexe Folgen.

Angemessene Pfarrerlöhne: Matthias Reuter.

Ruth Derrer Balladore, Präsidentin der liberalen Fraktion, wundert sich, dass die Kritiker des Lohnsystems sich nun nicht äussern wollen. Mit Blick auf die Privatwirtschaft erachtet sie die aus dem letzten Jahrtausend stammende Regelung (automatischer Anstieg der Löhne bis zum 62. Lebensjahr) als überholt. Andere Arbeitsbedigungen der Pfarrpersonen seien zu verbessern.

Heinrich Brändli vom Synodalverein findet es «unmöglich in der heutigen Zeit», dass der Kirchenrat jedes Jahr den Kirchgemeinden für ihre Angestellten den Stufenanstieg empfiehlt. Deren Anstellung über Lohntabellen sei nicht mehr zeitgemäss. «Da müsste man über die Bücher gehen und das Lohnsystem für alle überarbeiten.» Hanna Marty-Solenthaler mahnt, die kirchlichen Berufe als gleichwertig zu achten.

Fraktionen wollen früher mitreden
Gegen den Willen des Kirchenrats überweisen die Synodalen ein Postulat, das ihn einlädt zu prüfen, bei künftigen Vernehmlassungen die Fraktionen der Kirchensynode einzubeziehen. Andrea Widmer Graf vom Synodalverein, der das Postulat lanciert hat, verweist auf die Usanzen im Bund. «Eine offene und grosszügigere Handhabung würde der reformierten Landeskirche guttun und die Diskussionskultur fördern.»

Kirchenrat Bernhard Egg betont, die Abläufe hätten sich bestens bewährt. Die Legislative entscheide am Schluss. «Es macht keinen Sinn, die Fraktionen zu fragen, wie sie sich zu einem Antrag stellen würden, wenn der Kirchenrat ihn stellen würde.» Kritisiert wird in der kurzen Debatte, dass der Kirchenrat den Synodalen oft sehr wenig Zeit zur Beratung gibt. Geschlossen stimmend, erwirkt der Synodalverein eine Mehrheit von 50 zu 34 Stimmen.

Berichtet von Karlsruhe: Pfarrerin Bettina Lichtler, die Ökumenebeauftragte der Landeskirche.

Klima, Christenverfolgung und Ukraine-Krieg
Gegen Mittag hören die Synodalen Berichte von der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Karlsruhe. Tobias Adam, als Steward dabei, schildert, wie ihm der interkontinentale Austausch die Dringlichkeit der Klimakrise vor Augen führte. Yvonne Wildbolz bringt die Christenverfolgung in Südostasien in den Blick. Kirchenratspräsident Michel Müller gibt sich enttäuscht, dass die Vollversammlung die Führung der russisch-orthodoxen Kirche für ihre Haltung im Ukraine-Krieg nicht explizit verurteilte.

Der Schreibende weist in einer persönlichen Erklärung auf ein Buch von Religionssoziologen hin. Sie haben festgestellt, dass die Fähigkeit der Landeskirchen, Kindern den Glauben zu vermitteln, stark abnimmt.

Videoaufzeichnung der Synode

Menü