Die Zürcher Kirchensynode hat am 23. März in Bülach Bruno Kleeb aus Bauma in den Kirchenrat gewählt. Die Vertretung der Evangelisch-kirchlichen Fraktion im Kirchenrat wurde von den anderen Fraktionen im Prinzip bejaht. Die Synodalen führten zum Stand der Strukturreform KirchGemeindePlus eine Aussprache durch. Ein ernüchternder Zwischenbericht zeigt diverse Mängel auf. Es wurde deutlich, dass Kirchgemeinden auch nach der Fusion Beratung brauchen. Die neue EKS-Präsidentin Rita Famos legte den Synodalen in einem Grusswort ihre Perspektive für die Reformierten dar.

Willi Honegger, Präsident der Evangelisch-kirchlichen Fraktion (EKF), empfahl Bruno Kleeb zur Wahl. Der 49jährige Heimleiter aus Bauma bringe ein gerüttelt Mass an beruflicher, kirchlicher und kirchenpolitischer Erfahrung mit. Rekordverdächtige zehn Jahre habe er der GPK der Synode angehört und sie vier Jahre umsichtig präsidiert. Die Fraktionen hätten ihn in Hearings befragen können.

Fraktionspräsidenten und Synodebüro besprechen sich im Timeout vor der Wahl.

Die Synodale Hanna Marty schlug Philipp Nussbaumer, Geschäftsführer der Streetchurch, für den Kirchenrat vor. Sie und religiös-soziale Votanten gaben an, er sei visionärer und könne jüngere Reformierte besser ansprechen. Philipp Nussbaumer, 36, hielt fest, die EKF habe Kleeb in einem demokratischen Verfahren zum Kandidaten erhoben. Intern unterlegen, habe er nichts weiter unternommen. Der Vorschlag komme für ihn überraschend. Ob er eine allfällige Wahl annehmen oder ablehnen würde, sagte er nicht.

Willi Honegger warnte davor, die Arbeitsweise der Synode (Konkordanz, Fraktionen-Proporz, zeitige Nomination durch eine Fraktion, Hearings der anderen Fraktionen) ohne Not, ohne Krise des Systems, zu stören. «Unsere Fraktion hat nur einen Kirchenrat. Wenn ihr das Recht nicht zugebilligt wird, ihren genuinen Vertreter in den Kirchenrat zu entsenden – was heisst das für diese Fraktion?»

Pragmatischer und konsensfähiger Kandidat

Die Fraktionsvorsitzenden der Liberalen (LF), des Synodalvereins und der Religiös-Sozialen (rsf) bezeichneten Bruno Kleeb nach den Hearings als wählbar, als pragmatisch und konsensfähig und als guten Vertreter der EKF. Angesichts der überraschenden Sprengkandidatur seien die Synodalen frei.

Matthias Reuter erklärte, die rsf bekenne sich zur Konkordanz; doch offenbar sei für einige in der Fraktion die Not so gross, dass sie sich über die Gepflogenheiten hinwegsetzen wollten. Zwei Synodale der rsf betonten, alle Strömungen der Landeskirche sollten im Kirchenrat vertreten sein, und empfahlen Kleeb. Daniel Oswald meinte, die EKF hätte ein Zweierticket präsentieren sollen. Und Nadja Boeck sagte, für Nussbaumer stehe das Eintreten fürs Evangelium und christliche Werte «nicht im Widerspruch zu Themen wie Ehe für alle, Gendergerechtigkeit, LGBTQI+ oder zu neuen Strukturen und Wegen».

Bruno Kleeb wurde im ersten Wahlgang mit 62 von 110 Stimmen gewählt, Philipp Nussbaumer erhielt 45 Stimmen. Kleeb nahm die Wahl an und leistete das Amtsgelübde. Er dankte für das Vertrauen und zitierte seinen Konfirmationsvers («Das Wort vom Kreuz …», 1. Korinther 1,18). Die Kirche solle unbeirrt das Evangelium verkünden, sagte Bruno Kleeb. Er wolle andere Meinungen anhören und auf gemeinsame, tragfähige Lösungen hinarbeiten.

Ernüchternder Zwischenbericht zu KirchGemeindePlus

Die Synodalen hielten eine Aussprache zum Reformprozess «KirchGemeindePlus» (KGP), in dessen Verlauf die meisten Quartiergemeinden in der Stadt Zürich zur Stadtkirche wurden und bisher 29 weitere Kirchgemeinden zu grösseren Einheiten fusioniert haben. Anlass zur Aussprache war ein Zwischenbericht zu 2018-2020 des Luzerner Instituts Interface, welches für die Landeskirche die Begleitforschung zu KGP macht. Interface führte neben Fallstudien und Gruppengesprächen eine Online-Befragung durch, auf die 190 Pfarrpersonen, 466 kirchliche Angestellte und 366 Kirchenpfleger/innen anonym antworteten. Ein Drittel dieser 1022 Personen arbeitet in fusionierten Gemeinden.

Für den Kirchenrat resümierte Margrit Hugentobler das Ziel von KGP: zukunftsfähige Strukturen für vielfältiges Gemeindeleben zu schaffen. Viel sei in Gang gekommen. Kirchgemeinden hätten grössere Räume geschaffen, in denen nun der kirchliche Auftrag neu zu gestalten sei. Der Bericht konstatiere einen grösseren Arbeitsdruck beim Personal und teilweise Unklarheit über Rollen.

Carola Heller nach ihrer Whhl in die GPK der Kirchensynode.

«Chaosphasen» mit Beratung verkürzen

Hanna Rüegg (LF) befand, für aussagekräftige Ergebnisse sei es noch zu früh. Es gelte, Leute besser zu beteiligen. Für die Entwicklung neuer Kirchenformen brauche es Manpower. Nadja Boeck (rsf) sagte aus eigener (Furttaler) Erfahrung, die Neuausrichtung der Gemeinden geschehe erst nach der Fusion. Für die Integrationsphase sei weitere Beratung angezeigt. «Es braucht Identitätsprozesse, klare Schritte für die Ausrichtung der neuen Kirchgemeinden.» Gute Beratung vermöge «lange Chaosphasen» zu verkürzen. Sonst entstehe ein Machtvakuum. Ein Stillstand könne den Prozess um Monate und Jahre zurückwerfen und ziehe schmerzhafte Verluste – auch Austritte – nach sich.

Was Kirche sein soll, ist unklar

Ivan Walther (LF) forderte, der KGP-Prozess müsse daran gemessen werden, wie er an der Basis ankommt. Die Begleitforschung solle das Augenmerk auf alle Mitglieder richten. «Nur wenn es uns gelingt, möglichst viele unserer Mitglieder zu mobilisieren, zu motivieren und in diesen Zeiten weiterhin kirchlich zu beheimaten, war der Reformprozess ein Erfolg.»

Als gründlichen Mangel von KGP bezeichnete Walther das Fehlen eines theologischen Fundaments fürs Zielbild von Kirche. Die Fragen nach ihrer künftigen Gestalt seien nicht organisationstheoretisch, sondern kirchentheoretisch zu beantworten. Für Walther ist es vom Wortsinn von ekklesia (Versammlung der Gläubigen) her grundfalsch, grössere Verwaltungsregionen als Kirchgemeinde zu bezeichnen. «Richtig wäre es, die Kirchgemeinde vom Kirchenort her zu bestimmen. Als Reformierte brauchen wir überschaubare Einheiten, die möglichst autonom funktionieren», mit Subsidiarität. Nur so könne sichergestellt werden, dass die breite Basis mitarbeitet.

Anonymisierung in der Stadtkirche

Patrick Werder, Zürich-Seebach (EKF), sagte, die «berufliche und bürokratische Belastung» der Mitarbeiterschaft sei in der Stadt gestiegen – das Gegenteil des Erwünschten. Sitzungen hätten stark zugenommen. Kompetenzen in den Substrukturen seien unklar, was zu frustrierend langen Entscheidungswegen führe. Insgesamt komme es (bei 80’000 Mitgliedern) zu einer Anonymisierung. Bei Wahlen könnten Mehrheiten für Personen ohne jegliche Verankerung im Kirchenkreis resultieren; langjährig Engagierte hätten böse Überraschungen erlebt.

Die Evangelisch-kirchliche Fraktion in Bülach. Ganz links Kirchenrat Bruno Kleeb.

Werden Kleingemeinden zur Fusion gedrängt?

Gerda Zbinden (rsf) mahnte an, kirchliche Angestellte vermehrt einzubeziehen, im Sinn der Empfehlung von Interface. Hannes Hinnen (rsf) äusserte das «ungute Gefühl», dass das von der Kirchensynode festgelegte Mindestpensum von 50% für Pfarrstellen vom Kirchenrat als Fehler bewertet werde und er es demnächst streichen wolle. Es gebe kleine Gemeinden, die keinen Fusionspartner fänden – etwa weil man sich unterschiedliche theologische Ausrichtungen unter einem Dach nicht vorstellen könne, auch aus Furcht vor höheren Steuern. Der Kirchenrat solle, statt bloss die Kleingemeinden zur Fusion zu drängen, die grösseren Gemeinden zur Offenheit animieren.

Pfr. Theddy Probst (EKF) nahm Hinnens Faden auf. Der Kirchenrat widerspreche seiner deklarierten Absicht, Gemeinden nicht zur Fusion zu zwingen, wenn er daran gehe, das Mindestpensum von 50 Prozent aufzuheben. Bei Wegfall dieser Bestimmung würden die kleinen Gemeinden «früher oder später mittels der Finanzen zur Fusion gezwungen». Probst forderte, das Mindestpensum beizubehalten, und fragte: «Will der Kirchenrat Zwangsfusionen oder will er freiwilliges Zusammengehen von eigenständigen Kirchgemeinden?» Pfrn. Christine Diezi (rsf) schloss die Frage an, die sich für Gemeindeglieder stelle: «Wo gehe ich hin, wenn meine Pfarrerin nicht mehr vor Ort ist, weil sie an mehreren Stellen arbeitet?»

Zusammenarbeit der Fusion vorgezogen

Débora Solèr Steinemann (EKF) konstatierte, im nötigen Reformprozess fehle eine Bestimmung der «geistlichen Mitte unseres Auftrages». Es komme darauf an, was vor Ort geistliche Gemeinschaft stifte. «Ohne dass viele sich in der Gemeinde beteiligen, wird wenig gehen.» Solèr fragte, ob der Kirchenrat Gemeinden wirklich zugestehe, dass sie die Ziele von KGP ohne Fusion erreichen. Zur Kooperation seien Gemeinden offensichtlich eher motiviert als zur Fusion.

Die Strukturreform gehe fehl, wenn Pfarrpersonen administrativ stärker belastet würden. Dass sie, die sich am stärksten in den Prozess eingebracht hätten, in der Umfrage am meisten Vorbehalte äusserten, gebe zu denken. «Der Kirchenrat hat von Anfang an Druck gemacht und zu wenig auf Partizipation gesetzt.» Débora Solèr kritisierte auch den Abbau von Gottesdiensten. «Unser Ziel muss sein, wieder neue Mitglieder in unsere Landeskirche zu gewinnen, mit zeitgemässem Angebot und immer mit dem Ziel, dass Gott uns durch sein Wort beschenkt.»

Die Landeskirche will fusionierte Kirchgemeinden auch in der Integrationsphase begleiten. Margrit Hugentobler gab einen Ausblick auf die zweite Phase der Begleitforschung.

Vielfalt als Stärke der Reformierten: Rita Famos in Bülach.

Rita Famos: Prekärere Stellung der Kirche in der Gesellschaft

Nach der Mittagspause kam die neue Ratspräsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz EKS Pfarrerin Rita Famos für ein Grusswort in die Bülacher Stadthalle. Sie sagte, die Rolle der Kirche im Staat sei mit jedem Entflechtungsschritt «etwas weniger klar gegeben». Dies hätten politische Vorstösse jüngst zugespitzt deutlich gemacht (Streichung des Gottesbezugs in der Bundesverfassung, Abschaffung der Steuerbefreiung für kirchliche Hilfswerke nach der KVI-Abstimmung).

Die Reformierten sind laut Rita Famos vorbereitet für die Fragen der Postmoderne. Sie hätten sich (anders als die katholische Hierarchie) mit der gesellschaftlichen Entwicklung stetig auseinandergesetzt. Die EKS-Präsidentin erwähnte die Frauenordination und das Ja zur Segnung homosexueller Paare in den 2000er Jahren. Die reformierte Kirche sei diskursfähig. «In der Disputfähigkeit und in der Vielfalt zeigt sie ihren Willen und ihre Fähigkeit, auf Gottes Wort zu hören und das Evangelium immer wieder in die heutige Zeit zu übersetzen.» Verschiedene Strömungen unter ihrem Dach verhinderten eine Engführung.

Mit dem Bild des «rasenden Zugs» deutete Rita Famos die Schwierigkeiten der Amtsübernahme in Corona-Zeiten an. Sie wolle Mut und Gelassenheit ausstrahlen und auf zeitgemässe Strukturen hinwirken. «Wir sind weder gerufen, systemrelevant zu sein, eine Kirche zu retten oder Mitgliederzahlen zu bewirtschaften. Wir sind gerufen, in der Nachfolge Jesu Christi die Gute Nachricht des Evangeliums zu verkünden.» Die EKS-Präsidentin schloss mit dem Wort von Jesus: «Ich lebe und ihr sollt auch leben.»

Peter Fischer (rechts) überreicht die Petition Kirchenratspräsident Michel Müller.

Klima, Kirchengesang, Synodesekretariat

Peter Fischer stellte eine Petition des Vereins Fossil-free.ch vor, mit der die Landeskirche zum Ausstieg aus unökologischen und ethisch fragwürdigen Finanzanlagen aufgefordert wird, und übergab 1400 Unterschriften an Kirchenratspräsident Michel Müller. Die Kirchenrätin Esther Straub beantwortete eine Frage von Gina Schibler zu Klimaschutzmassnahmen in der Kirche («Grüner Güggel»). Sie wiederholte, verbindliche Beschlüsse müssten von der Synode gefasst werden. «Der Kirchenrat freut sich auf die Zusammenarbeit mit der Synode zur Senkung der Emissionen auf Netto Null.»

Zwei weitere Fragen von Synodalen betrafen das Singen in der Kirche. Michel Müller sagte, die Erkenntnisse zum Risiko der Virenverbreitung beim Singen seien für den Kirchenrat nicht eindeutig. Doch wollten die Reformierten angesichts der Erlaubnis für Versammlungen bis zu 50 Personen derzeit nicht auf «weitergehende Spezialbehandlungen» hinwirken.

Die Synodalen wählten Carola Heller, EKF, in die Geschäftsprüfungskommission und Peter Nater von den Liberalen als zweiten Sekretär der Kirchensynode. Diese wird ein eigenes Sekretariat erhalten; die entsprechenden Änderungen der Geschäftsordnung wurden genehmigt.

Mark Eberli, der Stadtpräsident von Bülach, überbrachte ein gehaltvolles Grusswort, in dem er an die Aufgabe der Christen erinnerte, für die Behörden zu beten, und für Gebete dankte. Die Kirche habe gerade in diesen Krisenzeiten eine entscheidende Aufgabe zu erfüllen. «Die Menschen brauchen die Gute Nachricht», sagte Eberli.

Bilder EKF, Bruno Kleeb, Carola Heller: Gion Pfander, Reformierte Landeskirche

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