«Frommes Zürich»: Vernissage im Fraumünster

Das Buch von Armin Sierszyn zeichnet die bewegte Geschichte des Pietismus in Landschaft und Stadt Zürich nach. Im Zentrum stehen die Initiativen und Werke, welche Fromme in den Säkularisierungsschüben nach 1830 schufen – Institutionen, von denen der Kanton bis heute profitiert. Die Vernissage am 7. September im Fraumünster warf Schlaglichter auf bislang wenig beachtete Aspekte der Zürcher Erfolgsgeschichte.

Thomas Bucher, Präsident der Evangelisch-kirchlichen Vereinigung Zürich, begrüsste die Gäste im Chor des Fraumünsters. Er zeigte sich glücklich über das Anfang Juli erschienene Buch. Mit der Schilderung von früheren Glaubenswagnissen motiviere es, im Vertrauen auf Jesus Christus zu handeln und mutig in die Zukunft zu gehen.

Frömmigkeit im Herzen der Stadt
Der Fraumünster-Pfarrer Johannes Block gratulierte in einem Grusswort dem Autor und dem Theologischen Verlag Zürich TVZ zur Herausgabe des Bandes.

Diese Geschichte macht für heute Mut: Johannes Block.

Das Fraumünster, seit dem Mittelalter ein «Ort der Frömmigkeit und Spiritualität», sei auch bedeutsam für den Schweizer Pietismus, wie das Buch schön aufzeige: mit der Liebe zur Bibel, «dem Liedgesang, dem Priestertum aller Glaubenden». Johannes Block drückte seine Freude über das Geschichtswerk aus. Zu sehen, wie Frauen und Männer damals «den Weg und das Leben der Kirche gestaltet haben», mache Mut, heute das Evangelium weiterzusagen.

Lisa Briner, die Leiterin des TVZ, ging in ihrem Grusswort auf die im Buch dargestellte Vielfalt christlicher Aktivitäten in Zürich nach 1850 ein: diakonische Werke, christliche Volksschulen und Armenvereine, Lesesäle und Bibelgesellschaften, Stadtmissionen und Herbergen. Eine Freude sei es zu lesen, «mit wie viel Hingabe und Kreativität Frauen und Männer zu Werke gingen, um auf die Nöte in einer sich schnell industrialisierenden Gesellschaft Antworten aus dem Glauben an Jesus Christus zu geben».

Pietistische Wurzel des TVZ
Die Evangelische Gesellschaft (EG) habe sich gleich zu Beginn die «Verbreitung guter christlicher Literatur» vorgenommen und religiöse Leihbüchereien und eigene Buchhandlungen betrieben, sagte Lisa Briner. Die Bibel, aber auch Traktate und Erbauungsbücher wurden von Kolporteuren «bis ins abgelegenste Dorf gebracht». Mit derselben Motivation habe die EG ein Jahrhundert später auch den Zwingli-Verlag gegründet, einen der Vorgänger des TVZ.

Armin Sierszyns Werk, das die Geschichte des Pietismus in Landschaft und Stadt Zürich über mehr als drei Jahrhunderte verfolgt, macht laut Lisa Briner «nicht nur ein bislang kaum erforschtes Stück Schweizer Kirchengeschichte greifbar – und zwar auf eine unerhört anschauliche Art».

Hingabe und Kreativität gegen die Nöte der Grossstadt: Lisa Briner.

Das Buch bringe auch eine Stimme in den Dialog der theologischen Positionen ein, die beim liberal geprägten TVZ seltener vertreten sei. «Eine Stimme jedoch, die zweifellos zur kirchlichen und theologischen Landkarte des reformierten Zürich gehört.»

Kirchengeschichtsschreibung hat Pietismus vernachlässigt
Von Seiten der Wissenschaft würdigte Michael Baumann, Kirchenhistoriker und Pfarrer in Wiesendangen bei Winterthur, das Buch. Bisher habe die Forschung zur Schweizer Kirchengeschichte auf die Reformation fokussiert und den Pietismus vernachlässigt. Armin Sierszyn habe eine tüchtige Bresche geschlagen, äusserte Baumann. Sein Werk lasse hoffen, «dass sich das kirchenhistorische Interesse neu und unverstellt auch auf die frommen Protestanten richtet».

Tüchtige Bresche geschlagen: Michael Baumann wünschte mehr Forschung zum Pietismus.

Die Anfänge des Zürcher Pietismus um 1700 kommentierte Michael Baumann mit dem Hinweis, nach dem Dreissigjährigen Krieg habe sich das orthodoxe Kirchensystem von innen heraus zu wandeln begonnen. Ohne Pietismus hätte sich der Protestantismus nicht als kulturprägende Sing- und Bibelbewegung etabliert. «Man kann die Wirkung der persönlichen Glaubenserfahrungen und der Bemühungen, zu solchen zu verhelfen, kaum überschätzen.» Baumann betonte die «tiefe Kontinuität zwischen dem reformatorischen Vertrauen auf die Schrift und der ab der Mitte des 17. Jahrhunderts einsetzenden individuellen Erfahrung der Frömmigkeit».

Lavaters Genie
Besonders gefiel dem Laudator das Kapitel über Johann Caspar Lavater (1741-1801). Sierszyn zeichne ihn als Theologen mit einer expliziten Christusfrömmigkeit. Diese sei der Schlüssel, um «Lavaters gigantisches Werk … zu interpretieren». Lavater sei als Theologe neu zu entdecken. Indem das Buch das «Netzgeflecht der Verwandtschafts- und Geistesbeziehungen» der Familien Lavater, Gessner und Usteri bis hin zu Meta Heusser (Mutter von Johanna Spyri) darstelle, werde «die Zürcher reformierte, glaubenspositive Intellektualität» verstehbar.

Für Baumann macht das Werk zudem einsichtig, dass es an der Limmat «nicht nur eine frühe innere Mission und Erweckung gab, die sich sozialgeschichtlich mit der Frühindustrialisierung parallelisieren lässt, sondern auch eine äussere Mission».

Verachtet, ausgegrenzt, verfolgt
Das Buch zeichnet Bitteres nach: was jene erlitten, «die aufgrund ihres Glaubens und ihrer Frömmigkeit allzu häufig verfolgt und geächtet wurden». Allerdings hätten gerade Pietisten, Fromme und Erweckte «immer wieder auch und gerade im Zürcher Bürgertum und längst nicht nur auf dem Land ihre Fürsprecher gehabt.»

Michael Baumann lobte die plastische Schilderung der sozialen Umwälzungen im frühen 19. Jahrhundert. Der Autor habe in wenigen Skizzen herausdestilliert, «zu welchem Preis die liberale Modernität erkauft worden ist». Ein elitärer Kreis habe die liberale Mehrheit des Grossen Rats auf seine Seite gezogen und viel Geschirr zerschlagen (Usterbrand 1832!). Mit der Entstehung des modernen Schulsystems habe eine Entkirchlichung begonnen, «wenn auch der Fortschrittsoptimismus und viele durchaus kirchlich positive Lehrer das noch lange zu kompensieren versuchten». Das Buch stelle die Frage nach der Bedeutung von Bibel-Glauben und Bekenntnis im Säkularisierungsprozess neu.

Fraumünster und Zürcher Innenstadt um 1830.

Lähmende Methodendiskussion
Die Geringschätzung des Zürcher Pietismus durch den liberalen Mainstream hielt im 20. Jahrhundert an. Für Michael Baumann ist es beschämend, «wie letztlich zersetzend und die Kirche als gesamtgesellschaftliche Kraft lähmend die bis in die jüngere Vergangenheit überaus bissig geführte Methodendiskussion wirkt». Können nun endlich Brücken gebaut werden?

Die persönliche Betroffenheit Armin Sierszyns werde in den letzten Kapiteln deutlicher. «Gewiss werden dem konservativen Grundton einige widersprechen, das gehört dazu. Berufene Leser können das einordnen.» Denn es gehöre Mut dazu, eine Geschichte neu und anders zu erzählen. Dies gelinge nur wenigen Historikern. Michael Baumann schloss mit Dank und der Einladung, das Buch zu lesen und zu beherzigen.

Pietisten: Glaube und Hoffnung gegen das Elend
Der Autor selbst setzte mit einer dreifachen Skizze den Schlusspunkt. Armin Sierszyn schilderte, wie das Elend ihrer Zeit gläubige Christen zum Handeln trieb – und dies, weil sie durch Christus eine gewisse Hoffnung hatten.

Nach dem Dreissigjährigen Krieg waren grosse Teile Deutschlands unsagbar verwüstet. Dem jungen August Hermann Francke ging das Waisenelend ans Herz. «Ohne Geld schreitet er mutig zur Tat. Nach wenigen Jahren steht in Halle ein riesiger Schulpalast mit verschiedenen modernen Schultypen für über 2‘000 Kinder, sogar ein Gymnasium für Mädchen, ein völliges Novum…»

Jesus rettet! Armin Sierszyn schilderte, wie Christen der Verzweiflung Hoffnung entgegensetzten.

Francke wurde zu einem Vater des Pietismus, zum Pionier des ersten evangelischen Glaubenswerks und zum Mitbegründer der neuzeitlichen Pädagogik. Der Pietismus rechnet laut Sierszyn «wie Luther mit Gottes Wort und wird so zu einer starken Hoffnungsbewegung mitten im säkularen Niedergang».

In Zürich sammelte sich um 1850 ein Kreis von 200-300 Gläubigen. Sie erkannten die geistliche und materielle Not des wachsenden Proletariats. Während die Pfarrschaft grösstenteils untätig blieb, engagierten sie einen Prediger und zwei Diakonissen. Diese drei sollten sich um die bereits 20‘000 Menschen in Aussersihl kümmern! Armin Sierszyn: «Sie besuchen jede Strasse und jedes Haus. Sie schämen sich des Evangeliums nicht. Mit ihrer kleinen Kraft predigen sie das Wort und dienen den Menschen mit Rat und Tat.»

Bald besuchten gegen tausend Arbeiterkinder die Sonntagsschulen. In der neu errichteten Lukas-Kapelle trafen sich jede Woche dreimal 500-1000 Gottesdienstbesucher.

Der Autor erwähnte die unter dem Dach des EG gegründeten diakonischen und Bildungs-Werke, darunter das Diakoniewerk Neumünster, eine psychiatrische Anstalt und eine Klinik für Epileptiker, ein Lehrerseminar und öffentliche Bibliotheken. «Gläubige Frauen treffen sich in Missionsvereinen, lesen Missionsberichte aus aller Welt und sammeln ihre Scherflein: Wer sonst in der Stadt lebt mit so weiten Hoffnungs-Horizonten?»

Nach dem Gottesdienst in Bauma.

Das dritte Schlaglicht warf Armin Sierszyn aufs obere Tösstal, wo er selbst lange als Pfarrer gewirkt hat. Der Schnaps brachte über Generationen viele Bauernfamilien ins Elend. 1762 wurden in Bauma «vor dem Gottesdienst um die Ecke ganze Fässchen Chriesiwasser verkauft und getrunken». Doch 1880 packten zwei erweckte Handwerker einen hartgesottenen Trinker. «Sie schütteln ihn durch und sagen: Heiri, so kann es nicht weitergehen. Wir beten für dich! Hör zu: Jesus errettet dich jetzt!» Und Heiri wurde seine Sucht los. In einem Jahr wurden in Bauma mehr als zehn notorische Trinker frei. Ende 1900 feierten tausend Freunde des Blauen Kreuzes in der vollbesetzten Kirche «die Kraft des Wortes Gottes zur Rettung aus Sucht und Sünde».

Nach den facettenreichen Beiträgen gingen die Anwesenden vom Chor mit den Chagall-Fenstern hinüber in den Kreuzgang des Fraumünsters. Ein feiner Apéro wartete; man verweilte im Gespräch.

Armin Sierszyn
Frommes Zürich
Pietismus in der Zürcher Kirche vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Mit besonderer Berücksichtigung der Evangelischen Gesellschaft und der Evangelisch-kirchlichen Vereinigung
2023, 344 Seiten, Paperback mit Abbildungen
978-3-290-18543-5

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