Pfarrstellenabbau

24. Juli 2023 – Die Zürcher Landeskirche baut auf Sommer 2024 weniger Pfarrstellen ab, als von der Kirchenordnung bei Mitgliederrückgang vorgegeben. Trotzdem wird das Pfarramt in Dutzenden Kirchgemeinden geschwächt – bei rekordhohem Eigenkapital der Kirche. In der Debatte am 27. Juni brachten Synodale die verbreitete Unzufriedenheit zum Ausdruck.
In der letzten Sitzung der Amtszeit am 11. Juli wurden Massnahmen zur Prävention von Grenzverletzungen gebilligt. Zur Stärkung der Bezirkskirchenpflegen wurde eine Initiative überwiesen.

Die Zürcher Landeskirche teilt Pfarrstellen zu. Mehreren Dutzend Kirchgemeinden werden auf den Beginn der Amtszeit 2024-2028 ihre Pfarrstellenprozente um 10 bis 30 Prozent gekürzt. Eine 2018 beschlossene Übergangsregelung läuft im Juni 2024 aus; dazu schlägt der Mitgliederrückgang von 425’145 auf 386’129 durch.

Gemäss dem 2018 neu gefassten Art. 117 der Kirchenordnung beschliesst die Synode für jede Amtszeit global das mittlere Quorum, die Mitgliederzahl pro Vollzeitstelle, und von daher den Gesamtkredit. Für die laufende Amtszeit waren es 1650 Mitglieder. Nun beantragt der Kirchenrat eine Senkung auf 1550; damit fallen statt rund 24 Stellen weniger als neun weg.

Manche Synodalen tun sich schwer mit der Kürzung, die für einige Gemeinden «einschneidend» ist, wie Synodepräsidentin Simone Schädler einleitend festhält. Die rechtlichen Rahmenbedingungen könnten jetzt nicht geändert werden. Hans Peter Murbach, Präsident der vorberatenden Kommission, bemerkt, die Senkung auf 1550 laufe Sparvorgaben zuwider. Gerhard Hubmann meint, bei tieferem Quorum werde der Wettbewerb um Pfarrer zunehmen.

Engagiert: Die Synodepräsidentin Simone Schädler zwischen den Vize Barbara Bussmann und Michael Bänninger.

«Rosskur»
Mehrere Synodale äussern sich unzufrieden über die Entwicklung, welche namentlich Kirchgemeinden von 1100 bis 1900 Mitgliedern hart trifft. Theddy Probst von der Evangelisch-kirchlichen Fraktion (EKF) spricht von einer (durch den Antrag bloss abgemilderten) Rosskur für mittelgrosse Kirchgemeinden. Da wo sie wertvolle Arbeit leisteten, wäre «antizyklisch» zu handeln.

Kirchenratspräsident Michel Müller bezeichnet den Pfarrstellenabbau als «moderat». Die Exekutive führe nur aus, was das Volk 2018 beschlossen habe (die Teilrevision der Kirchenordnung erhielt damals in Landbezirken bis zu 49 Prozent Nein-Stimmen). Hannes Aeppli vom Synodalverein (SV) hebt hervor, dass die Kirchgemeinden seit langem ausrechnen konnten, was auf sie zukommt.

Pfarrstellenkürzungen mit dem Quorum begegnen: Benedict von Allmen.

Seine Fraktionskollegin Hanna Marty-Solenthaler gibt sich «erstaunt, dass wir so auf dem Status Quo beharren». Alle hätten die Verantwortung, nach ganz neuen Wegen zu suchen. Pfr. Ivan Walther von der Liberalen Fraktion (LF) zeigt sich dankbar für das Priestertum aller Gläubigen. Doch fragt er, ob ein Systemwechsel angezeigt sei.

Benedikt von Allmen (SV) stellt den Antrag, das mittlere Quorum auf 1500 anzusetzen. Laut Siegfried Oswald werden Kirchgemeinden, die statt 100 nur noch 70 Pfarrstellenprozente erhalten, geschwächt, ja demoralisiert. Was würde das tiefere Quorum (1500 statt 1550) abtragen?

Christian Meier, dessen EKF der geltenden Regelung 2018 am stärksten opponiert hat, stellt den Ordnungsantrag, den Beschluss um 14 Tage zu verschieben, damit der Kirchenrat die Folgen detailliert rechnen und darlegen könne.

Nach der Mittagspause hält Hannes Aeppli fest, von den zusätzlich etwa 800 Stellenprozenten würde ein Grossteil an die Grossgemeinden gehen (laut Kirchenordnung haben sie, proportional zu ihrer Grösse, zusätzliche Stellenprozente zugut).

Konstruktionsfehler in der Kirchenordnung: Adrian Honegger.

Hans Peter Murbach meint, in 14 Tagen sei man nicht gescheiter. «Wir werden kleiner, die Gemeinden werden kleiner und bei der Pfarrschaft lassen wir alles beim alten» – ein schlechtes Signal.

Adrian Honegger (LF) spricht von einem Konstruktionsfehler im 2018 beschlossenen Artikel 117. Die kleineren Kirchgemeinden – nicht die grossen – hätten damals grundsätzlich bessergestellt werden sollen. Die Verschiebung wird klar abgelehnt, die Senkung auf 1500 ebenfalls. In der Schlussabstimmung erhält der Antrag des Kirchenrats 94 Ja, bei 3 Nein und 4 Enthaltungen.

Jahresbericht durchgewunken
Den Jahresbericht des Kirchenrats genehmigt die Synode nach Lob seitens der GPK ohne Diskussion. Der Schreibende, Synodaler der EKF, hinterfragt, dass die Abteilungsleiterin Lebenswelten der Landeskirche grundsätzlich das als spirituell qualifiziert, «was die Menschen als spirituell erleben». So könne auch Körperpflege oder etwas in der Natur oder Schwitzen im Fitnesscenter als spirituell gelten.

Wenn ein derart diffuser Begriff des Spirituellen an die Stelle von «Glaube, Liebe Hoffnung» trete, verschwimme der Unterschied zwischen Transzendenz und Immanenz und Kirche sei als Gemeinschaft nicht mehr nötig, «vielleicht noch en passant als Impulsgeber oder Zitatenlieferant». Durch die Verselbständigung der Lebenswelten trete das Gemeinsame der Menschen in den Hintergrund. Die Kirche müsse mehr tun, damit die Menschen Gott kennenlernen.

Exorbitantes Eigenkapital – hohe Buchverluste
Die Jahresrechnung 2022 schliesst bei einem Aufwand von 107 Millionen Franken mit einem Ertragsüberschuss von 1,6 Millionen Franken, über 3 Millionen besser als budgetiert. Das laut Finanzkommissionspräsident Gerhard Hubmann «ordentliche Ergebnis» lässt das Eigenkapital der landeskirchlichen Zentralkasse weiter steigen auf fast 71 Millionen Franken; die Synode hat den Kirchgemeinden tiefere Beiträge trotz der Überschüsse der letzten Jahre konsequent versagt.

Darauf geht Hubmann nicht ein. Er spricht vom Sach- und Personalaufwand, die unter Budget blieben, trotz Stufenanstieg bei den Pfarrlöhnen. «Wir tragen Sorge zu unserem kirchlichen Personal, insbesondere den Pfarrern.»

Zuversicht trotz CS-Zusammenbruch: Gerhard Hubmann, Präsident der Finanzkommission.

Er erwähnt Covid und den russischen Angriff auf die Ukraine. Bei der Inflation habe sich die Situation rasch geändert. 2022 sei für die Anlagen kein gutes Jahr gewesen, sagt Hubmann und erwähnt auch den zuvor «undenkbaren» Untergang der Credit Suisse, durch den viele tausend Arbeitsplätze verloren gehen.

Die Kirchensynode tagt wie der Kantonsrat in der umgebauten Bullingerkirche in Zürich-Hard.

Die zuständige Kirchenrätin Katharina Kull kommentiert die Verluste, die 2022 auf dem grossen Portefeuille der Landeskirche anfielen, bei Anleihen wie bei Aktien. Die Anlagen waren am Jahresende 11,5 Prozent weniger wert (Buchverlust). Der realisierte Verlust betrug 807’000 Franken. «Wer viel Geld hat, kann auch viel Geld verlieren», gibt Adrian Honegger zu bedenken. Er kritisiert die Höhe des Eigenkapitals (bei immer weniger Mitgliedern), welche die Gefahr von Geldvernichtung berge. 2022 sei eben dies geschehen. Honegger: «Die Kirchgemeinden finanzieren die Landeskirche. Es darf daher nicht sein, dass solch hohe Geldwerte gehortet werden.»

Für ein Mindestpensum Sozialdiakonie
Die Synode behandelt mehrere Vorstösse. Die Motion «Sozialdiakonie für alle», lanciert von Gabriela Bregenzer, religiös-soziale Fraktion, verlangt vom Kirchenrat, eine Änderung der Kirchenordnung vorzuschlagen, die für jede Kirchgemeinde ein Mindestpensum an Sozialdiakoniestellen vorsieht.

Der EKF-Präsident Christian Meier hält fest, die Fraktion begrüsse das Anliegen grundsätzlich, doch die Motion ziele in die falsche Richtung; die Diakonie sei anders als mit einem Mindestpensum zu stärken. Die Mühen mit der zentralen Pfarrstellenzuteilung sprächen gegen eine landeskirchliche Regelung, sagt Meier. Der Eingriff in die Gemeindeautonomie sei abzulehnen, umso mehr als es zu wenig Sozialdiakone gebe. «Die Kirche hat den Anspruch, dass Sozialdiakonie mehr ist als soziales Handeln.» Das Anliegen sei grundsätzlich zu diskutieren, im Blick auf den Gemeindeaufbau. Das Berufsbild könnte erweitert werden.

Den Kirchgemeinden ein Mindestpensum Sozialdiakonie vorschreiben: Gabriela Bregenzer.

Hans Peter Murbach (rsf) räumt ein, dass finanzschwache Kirchgemeinden ein Problem damit haben könnten, doch sei die Motion zu überweisen, um einen Schritt weiterzukommen. Dies geschieht mit 71 zu 21 Stimmen bei acht Enthaltungen – obwohl damit alle Kirchgemeinden über einen Leisten geschlagen werden. Weiter nimmt der Kirchenrat ein Postulat der Kirchensynode zur Erarbeitung einer Armutsstrategie entgegen.

Den Sonntag heilig halten: Willi Honegger.

Verbindlicher Gottesdienst am Sonntagvormittag noch zeitgemäss?
Heinrich Brändli (SV) ist bereit, seine Motion zum Sonntagsgottesdienst als unverbindliches Postulat einzureichen. Er will einen Bericht zur Frage, inwieweit die Kirchgemeinden einen Sonntagsgottesdienst zu feiern verpflichtet sind, ob die Pflicht (nach Art. 53 der Kirchenordnung) gelockert werden kann und andere Zeiten und Formen denkbar sind.

Willi Honegger (EKF) lehnt den Vorstoss ab. «Wir sind nicht befugt, den Tag auszuwählen.» Seit dem 1. Jahrhundert sei der Sonntag der «Tag des Herrn».

Es gebe nichts Besseres, als am Sonntag zu feiern, sagt der Tösstaler Pfarrer. Sozialdiakone und Prädikanten könnten mithelfen, Gottesdienst zu halten. Würden die Kirchenglocken verstummen, trage dies zur Selbstabschaffung der Kirche bei. «Gott loben, das ist unser Amt.»

Bernhard Neyer (SV) äussert, für ihn sei der Sonntag nicht der Tag des Herrn. Alle Tage seien Tage des Herrn. «Was halten wir heute noch daran fest, die Leute am Sonntag in die Kirche zu zwingen?» Auch an Wochentagen könne Gottesdienst stattfinden. Kirchgemeinden sei die Freiheit zu geben, die für regelmässigen Gottesdienst am Sonntag nötigen 30 Stellenprozente anders einzuteilen.

Sonntagsgottesdienst? Heinrich Brändli

Weitere Synodale aus anderen Fraktionen warnen vor einer Schwächung des Sonntags. «Wir müssen uns nicht ohne Not entkernen», sagt Giorgio Girardet (rsf). Die Fragen könne der Kirchenrat anhand des Vorstosses bearbeiten und Zahlen erheben, sagt sein Präsident Michel Müller. «Macht es noch Sinn, am Sonntagmorgen vor fünf Personen etwas zu erzählen?» fragt der Motionär Heinrich Brändli abschliessend. «Viele Leute möchten das auch hören – aber eben am Freitag oder an einem anderen Tag.» Mit 57 Ja und 34 Nein bei acht Enthaltungen wird das Postulat überwiesen.

Eine Fusion, persönliche Erklärungen
Der Zusammenschluss der Kirchgemeinden Wangen-Brüttisellen und Dietlikon zur Kirchgemeinde Brüttiseller Kreuz – der Name ist in einem Wettbewerb ermittelt worden – mit 3700 Mitgliedern wird mit einzelnen Enthaltungen genehmigt. Auf eine von Corinne Duc vorgelegte Resolution zum reformierten Selbstverständnis wird nicht eingetreten.

Am Ende der Sitzung stehen persönliche Erklärungen: Annelies Hegnauer (rsf), Präsidentin der Kirchgemeinde Zürich, protestiert dagegen, dass der Anschluss an die kantonale Ombudsstelle, vor einem Jahr beschlossen, noch nicht erfolgt ist. Gina Schibler (LF) plädiert für die Unterstützung der Klima-Initiative, mit Verweis auf Jona in Ninive. «Umkehr kommt nicht von alleine, sie braucht den Einsatz von uns allen.» Jessica Schuhmacher (SV) wirbt für die aktuell laufenden Jugendleiterkurse.

Verstärkte Prävention …
Die Amtszeit schliesst die Synode mit einer Vormittagssitzung am 11. Juli ab. Das Kirchenparlament billigt in der Personalverordnung eine neue Regelung zur Prävention von Grenzverletzungen und Übergriffen. Der Kirchenrat führte 2022 einen Verhaltenskodex ein. Im Rahmen eines Schutzkonzepts werden Mitarbeitende, Behörden und Freiwillige geschult. Auf Antrag des Kirchenrats führt die Synode die Verpflichtung zur Beibringung eines Privat- und Sonderprivat-Auszugs aus dem Strafregister ein.

Sorgfältig mit Freiwillligen umgehen: Dieter Graf.

Sie besteht für Angestellte und Freiwillige, die regelmässig mit Minderjährigen oder schutzbedürftigen Personen tätig sind. Der Schutz von verletzlichen Personen habe Priorität, sagt Dieter Graf namens der vorberatenden Kommission. Die Kirchgemeinden hätten dies den Freiwilligen so zu vermitteln, dass die Auflage nicht als Ausdruck des Misstrauens ankomme. Die Kirchenpflege und Gruppenleiter müssten sorgfältig informieren; den Freiwilligen müsse beim Ausfüllen geholfen werden und die Kosten seien von der Kirchgemeinde zu übernehmen. Graf fordert Unterstützung durch die Gesamtkirchlichen Dienste.

Mehr Arbeit für die landeskirchliche Rekurskommission: Ihr Präsident Tobias Jaag blickt zurück.

Zudem erhöht die Synode auf Antrag ihres Büros die Entschädigungen für Synodale, Bezirkskirchenpflegen und die landeskirchliche Rekurskommission. Die Entschädigungen für die Leitung der Synode werden massvoll angehoben, einerseits um die Teuerung seit 2007 auszugleichen, anderseits für höheren Arbeitsaufwand. Für vierstündige Sitzungen steigt die Entschädigung von 150 auf 160 Franken. Die Synodalen billigen die Vorlage mit einzelnen Gegenstimmen.

… und Unterstützung für Bezirkskirchenpflegen
Zur Stärkung der Bezirkskirchenpflegen wird eine von Fabio Wüst (EKF) lancierte Initiative an den Kirchenrat überwiesen. Die Kirchenordnung soll neu ein zentrales, unabhängiges Sekretariat für die Bezirkskirchenpflegen ermöglichen, welches die Rekursgeschäfte und das Aktuariat besorgt.

Tobias Jaag, der als Präsident der landeskirchlichen Rekurskommission zurücktritt, gibt Einblick in ihre Arbeit. Simone Schädler, die Präsidentin der Synode, dankt ihm und den zwei Kollegen, die ebenfalls aufhören. 43 der 123 Synodalen geben ihr Amt ab, je 16 von rsf und Synodalverein, 8 der Liberalen Fraktion und 3 der EKF. Sie werden von der Präsidentin verabschiedet. Der kurzen Sitzung folgt ein Apéro im Hof der früheren Bullingerkirche.

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